[Spezial] Die Kinder der toten Stadt – Ein Musikdrama gegen das Vergessen

© Die Kinder der toten Stadt

Gegen das Vergessen erzählt das ambitionierte und sensibel inszenierte Musikprojekt „Die Kinder der toten Stadt“ von Dr. Sarah Kass, Lars Hesse und Thomas Auerswald nach einer wahren Begebenheit vom Schicksal der Kinder im Konzentrationslager Theresienstadt. Mit Schauspielerin Iris Berben, dem ehemaligen Wolfsheim-Frontmann Peter Heppner und ESC-Teilnehmer Michael Schulte in den Hauptrollen konnten bekannte deutsche Namen für dieses wertvolle Projekt gewonnen werden, die gemeinsam mit den talentierten Kindern und Jugendlichen auf berührende Art und Weise nicht die Schuld und den Hass in den Vordergrund der Erzählung stellen, sondern vor allem Träume, Hoffnung, Liebe und das Versprechen, die Kinder der toten Stadt auf ewig in Erinnerung zu behalten auf dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

„Sie haben so vieles getötet. Aber niemals hätten wir gedacht, dass sie auch versuchen würden, die Musik zu töten.“

Die Geschichte des Musikdramas basiert auf den letzten Tagen des Komponisten Hans Krása, der 1942 nach Theresienstadt gebracht wurde und dort den Befehl erhielt, seine Kinderoper „Brundibár“ mit den gefangenen Kindern einzustudieren. Insgesamt wurde die Oper dort über 55-mal gespielt und konnte so den Kindern und Jugendlichen in einer Welt voller Angst ein Stück Normalität und Lebensfreude zurückgeben. Jedoch verfolgten die Nationalsozialisten mit diesen fröhlichen Aufführungen ihren ganz eigenen perfiden Zweck. So wurde das Stück für Besucher aufgeführt und Ausschnitte wurden ebenfalls für den Propagadafilm „Theresienstadt“ aufgezeichnet, um so für die Außenwelt den Schein einer heilen Welt zu inszenieren, in der Menschen in Frieden leben.

Das Musikdrama beginnt an einem dunklen Morgen, der für den Zuhörer zunächst völlig normal erscheint. Die Kinder treten aus den Häusern, singen vom Spielen und machen sich gemeinsam auf den Weg in die Schule. Nur wenig später wird der Gesang und das Spiel durch Soldaten beendet, die einige Erwachsene zum Arbeitsdienst führen und neue Gefangene aus einem herannahenden Zug eskortieren. Obwohl das Stück nahezu unschuldig beginnt, wird der Zuhörer schnell in die grausame Welt des Konzentrationslagers gezogen, wo Themen wie Hunger, Gewalt und Tod die täglichen Begleiter der Menschen sind. Nur die Kinder haben noch Hoffnung, aber sind sich stets dessen bewusst, dass auch der Tod hinter jeder Ecke lauern kann und selbst der Weg in die geheime Schule birgt täglich Gefahren.

Hannah (Jade Schulz) und Albert (Michael Schulte) sind gemeinsam mit Lea (Nicole Frolov), Michael (Nils Dahl), Lisa (Lisa Kirchberg), Dana (Marlene Kirchberg) und Benjamin (Hendrik Weßler) nur sieben von zahlreichen Kindern, die in den Mauern von Theresienstadt gefangen sind. Sie haben gehört, dass ein Chor zusammengestellt werden soll und hoffen, der Stadt wenigstens auf diese Weise für eine Weile entfliehen zu können. Wie es anfangs scheint, kommt es sogar noch besser und ein Komponist (Peter Heppner) wird beauftragt, mit den Kindern eine Oper einzustudieren, die vor Besuchern aufgeführt werden soll – ein Schimmer in der Dunkelheit. Alle hoffen, einen wirklichen Ausweg gefunden zu haben und der Welt zeigen zu können, wie viel Leid die Menschen in Theresienstadt ertragen müssen. Voller Tatendrang üben sie die Fabel „Der Fuchs“ ein und erzählen eine Geschichte von Zusammenhalt, innerer Stärke und Hoffnung, die wenigstens für kurze Zeit die Dunkelheit ihrer grausamen Welt vertreiben kann.

„Was sollen wir tun, wenn die Lichter der Welt jetzt verglühen?“

Peter Heppner © Die Kinder der toten Stadt

Das Musikprojekt umfasst insgesamt 36 Musikstücke, welche die Handlung in fünf Akte unterstützen und so viel mehr ausdrücken, als bloße Worte es jemals könnten. Obwohl die Sprechtexte an einigen Stellen ein wenig hölzern daher kommen, stört dies das positive Gesamtbild dieses ambitionierten und wertvollen Projektes in keinster Weise. Als Komponist kommt Peter Heppner eine der größeren Sprechrollen zu, die er mit Bravour meistert. Auch Iris Berben sowie Esther Bejarano überzeugen in ihren Parts und besonders Willi Hagemeier ist als Erzähler derart beeindruckend und eindringlich, dass bei den Zuhörern kein Auge trocken bleibt.

„Die Kinder der toten Stadt“ überzeugt nicht nur durch seine Geschichte, sondern hat auch musikalisch viele Höhepunkte zu bieten. Die Texte (Thomas Auerswald) und Kompositionen (Lars Hesse) sind äußerst sensible, aber trotzdem eindringlich. Besonders die Lieder „Die Kinder der Toten Stadt“, „Zehntausend“, „Milch und Honig“ oder das starke „Tränen wisch‘ ich später weg“ beweisen, dass sich das Musikdrama nicht hinter großen Musicalproduktionen verstecken muss. Mit seinen unterschiedlichen Musikstilen zeigt „Die Kinder der toten Stadt“ zudem, wie harmonisch Vielfalt ist und arrangiert somit ein stimmiges Gesamtbild, das sich leichtfüßig zwischen Kinderlied, Rocknummern, traditionell jüdischer Klezmer und symphonischer Musik bewegt. So wird auch die Wahrnehmung der Kinder auf musikalisch unterschiedliche Art und Weise dargestellt. Während jüngere Kinder vor allem träumerisch naive Kinderlieder singen, zeigt sich in den rockig-symphonischen Stücken der Jugendlichen die Wahrheit im Lager. Sie sehen eine Welt, die von Angst, Hunger und Gewalt dominiert, aber in der trotzdem noch Hoffnung besteht, die vor allem durch das gemeinsame Singen im Chor dargestellt wird.

Michael Schulte © Die Kinder der toten Stadt

Jade Schulz liefert als Hannah in all ihren Liedern eine derart berührende und beeindruckende Leistung ab, dass sie nicht mal von Michael Schulte als Albert übertroffen werden kann, der ebenfalls in allen Belangen überzeugt. Besonders im Duett „Küss mich jetzt“ harmonieren die beiden Sänger wunderbar und machen das Lied zu einem besonderen Höhepunkt des Stücks. Die Paderborner Domchöre untermalen als Stimme aller Kinder die Dramaturgie auf magische Art und Weise und auch alle anderen jungen Sängerinnen und Sänger leisten für dieses Musikdrama Besonderes. Mit ihrem Talent tragen sie alle dazu bei, dass die Lieder noch lange in den Köpfen der Zuhörer widerhallen und somit auch die Kinder der toten Stadt niemals vergessen werden.

„Gefangen ist die Kunst, doch bleibt sie frei. Frei in den Köpfen und in den Herzen.“

Die Veröffentlichung des Projektes am 22. Juni ist nicht zufällig gewählt, denn am 23. Juni 1944 besuchte eine Abordnung des  Internationalen  Roten Kreuzes das Ghetto Theresienstadt. Das Konzentrationslager galt als „jüdische Mustersiedlung“ und wurde oft den verschiedenen ausländischen Besuchern vorgeführt, um so zu zeigen, dass es den dort lebenden Juden an nichts fehlte. Heute soll „Die Kinder der toten Stadt“ vor allem ein Appell sein, ein Aufruf. Es lässt junge Menschen von heute ganz anders mit dem schrecklichen Geschehen von damals in Berührung kommen und erschafft sowohl als Hörspiel als auch Theaterstück eine bedrückende Atmosphäre, die dazu auffordert, das Grausame aus dieser Welt zu verbannen, denn die Geschichte darf sich nicht wiederholen.

Unsere Meinung:

„Dieses Hörspiel hat mich vom ersten Ton an berührt und nicht mehr losgelassen. Die Musik ist unglaublich eindringlich und wenn man den Liedtexten und der Stimme des Erzählers lauscht, fühlte ich mich mitten im Geschehen – litt und hoffte mit den Kindern mit. Es ist eine Geschichte, bei der sofort klar ist, dass sie nicht gut ausgehen kann und trotzdem ist sie so voller Hoffnung und Wärme. Mich hat tief beeindruckt, wie dieses Stück ein so schwieriges Thema aufarbeitet und auf welche einzigartige Weise es von diesen schrecklichen Verbrechen berichtet, ohne jemals vollkommen hoffnungslos zu erscheinen. Ein echtes Meisterwerk.“

– Julia Wagner

 

„Als ich »Die Kinder der toten Stadt« zum ersten Mal hörte, war ich sofort gefesselt von der Musik und der Geschichte. Obwohl ich bereits im Vorfeld wusste, was mich erwartet, wurde ich mit jedem Lied tiefer in das Geschehen hineingezogen. Ich wurde selbst Teil einer Geschichte, die mir bereits nach dem ersten Akt auf nahezu brutale Weise zu verstehen gab, wie sie enden wird. Es ist ein eindringliches und beeindruckendes Stück, das aufrüttelt und dabei niemals die wichtigen Dinge aus den Augen verliert. Ein Stück voller Wahrheit, Angst, Trauer, aber auch Liebe, Zusammenhalt und die Hoffnung auf eine bessere Welt, die man niemals aufgeben sollte.“

– Matthias Neumann