„Ich liebe alle meine Rollen!“ – Interview mit Norman Bowman

Norman Bowman (c) Faye Thomas

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Norman Bowman, West End Star, bekannt aus vielen verschiedenen Rollen wie Marius in Les Miserables, Sky Masterson in Guy and Dolls oder Sam Carmichel in Mamma Mia, wurde im schottischen Arbroath geboren. Mit einem Stipendium besuchte er die London Academy of Performing Arts, die er im Bereich Musical Theater abschloss. Seine letzten Rollen waren unter anderem Michael in Murder Ballad, Cornwall in King Lear und Nym/Williams in Henry V, wo er an der Seite von Jude Law auf der Bühne stand. Während des letzten Jahres stand der Vater von Zwillingen als Pat Denning und Cover der Hauptrolle Julian Marsch in 42nd Street auf der Bühne.

Lena Gronewold: Zum Start etwas Einfaches – Was hast du immer in deiner Garderobe, egal wo du spielst?

Norman Bowman: Auf jeden Fall ein Bild meiner Kinder. Ansonsten habe ich zu Anfang meist sehr wenig in meiner Garderobe und am Ende des Jahres sieht es aus als hätte ich mein gesamtes Leben in dem Raum gelebt. In der Vergangenheit hatte ich immer viele Bilder die mich begleitet haben, aber irgendwann habe ich aufgehört, die zu jedem Engagement mitzunehmen. Warum weiß ich gar nicht. Vielleicht hatte ich das Gefühl, dass ich die Unterstützung, die die Bilder mir gegeben haben nicht mehr brauchte. Heute bin ich eher praktisch veranlagt. Ich habe immer Stifte, ein Notizbuch, ein Puzzle oder andere Dinge mit denen ich mich beschäftigen kann, wenn ich gerade nicht auf der Bühne bin, in meiner Garderobe. Make-up habe ich relativ wenig an meinem Platz. Früher habe ich für meine Auftritte viel mehr Make-up getragen, das war aber definitiv zu viel des Guten und ich trage heute nur noch das notwendigste Make-up für meine Rollen.

Seit kurzem habe ich einen Buddha in meiner Garderobe, den mir ein Freund aus Bali mitgebracht hat. Er ist wunderschön aus Holz geschnitzt. Sein Lächeln verursacht bei mir gute Laune, wann immer ich ihn sehe. Der Buddha kam erst vor ein paar Monaten in mein Leben, aber ich denke, dass er mich für eine ganze Weile begleiten wird.

 

Lena Gronewold: Einige Berichte behaupten, du hättest schon „fast jede Hauptrolle“ gespielt. Hast du einen Favoriten unter deinen Rollen?

Norman Bowman: Ich weiß nicht, wo dieses Zitat herstammt, aber ich habe sicherlich noch nicht jede Hauptrolle gespielt. Ein paar habe ich gespielt, aber es gibt sicherlich auch einige Rollen, die ich nicht bekommen habe. Aber ich durfte einige tolle Rollen im Laufe meiner Karriere spielen. Aber einen Favoriten zu benennen fällt mir schwer. Sie sind alle so unterschiedlich. Ich hatte viel Spaß mit den Rollen, die ich spielen durfte. Aber eine Rolle wie Danny Zuko in Grease ist möglicherweise eine der Rollen, die mir am meisten Spaß gemacht hat. Ich kann jedoch nicht sagen, dass mir Sky Masterson (A.d.R.: in Guys and Dolls) weniger Spaß gemacht hätte, sie war bloß anders. Ich meine nicht sehr anders, aber doch anders. Vielleicht kann man Danny Zuko als den Sky Masterson der 60er bezeichnen. Aber dennoch, ich liebe alle meine Rollen. Sie alle haben mir geholfen der Darsteller zu werden, der ich heute bin. Jede Rolle hat mir geholfen mich weiterzuentwickeln. Einige Rollen führen dann einfach zu anderen, die ich ohne die vorherige nicht bekommen hätte.

Einige der Rollen bei denen ich am meisten Spaß hatte, sind jene Stücke in denen ich nicht die Hauptrolle gespielt habe. Wie zum Beispiel Ross in Macbeth. Das war einer der besten Jobs, die ich je hatte. Ich war einfach glücklich Teil dieses Stückes zu sein. Ich muss nicht die Hauptrolle spielen, wenn die Rolle mich herausfordert.

42nd Street war deshalb eine große Herausforderung für mich. Ich kannte die Rolle des Pat Denning und wusste, dass er eine sehr kleine Rolle ist und den Großteil des Jahres hat mir das nichts ausgemacht, aber besonders in den letzten Monaten meines Engagement hat mich diese Untätigkeit sehr belastet. In Zeiten, in denen ich Julian Marsh für einige Tage spielen konnte, viel es mir anschließend besonders schwer zu Pat Denning zurück zu kehren. Julian Marsh zu spielen hat mich daran erinnert, warum ich diesen Job so gerne mache.

Ich bin sehr dankbar für all die Rollen, die ich spielen durfte. Ich hoffe ich darf auch künftig das machen was meine Leidenschaft ist. Wie gesagt, es muss nicht immer die Hauptrolle sein, wenn mein Part interessant und herausfordernd ist.

 

Lena Gronewold: Gibt es eine Rolle, die du unbedingt noch spielen willst?

Norman Bowman: Langsam werde ich zu alt für die Rollen, die ich immer mal spielen wollte. Ich wollte immer mal Claude in Hair spielen, allein schon wegen der wunderbaren Songs, die er singen darf. Zu alt um Jesus zu spielen…ich bin inzwischen 15 Jahre älter als er zum Zeitpunkt seines Todes, das ist also wohl vorbei. Über die Jahre habe ich eine andere Haltung angenommen: Du kannst deine Ziele haben, aber wenn du zu sehr an ihnen fest hältst, dann wirst du vielleicht sehr enttäuscht. Deshalb sehe ich was kommt und bin damit bisher ganz gut gefahren. Ich habe nie gedacht, dass ich Rollen in 42nd Street oder Mamma Mia oder auch in Cats spielen würde. Aber wenn sie sich ergeben, dann muss man die Chance ergreifen. Ich halte aber an nichts mehr fest. Ich denke was passieren soll passiert. Ich denke man muss dankbar sein für jede Rolle die man bekommt, besonders in einer Stadt wie London, wo es so viele arbeitslose Schauspieler gibt. Deshalb fühlt es sich sehr seltsam an, dass ich bewusst mein Engagement bei 42nd Street im März beendet habe. Aber ich hoffe meine Vita spricht für sich und ich bekomme auch künftig interessante Rollen. Man muss einfach Vertrauen in sich selbst, seine Fähigkeiten und seine Arbeit haben, auch wenn die Ängste sehr real sein können.

 

Kerry Ellis, Ramin Karimloo und Norman Bowman in Murder Ballas (c) Marc Brenner

Lena Gronewold: Nachdem du Rollen in Macbeth und Henry V gespielt hast, bist du nun zurück im Bereich Musical. Was hat dich dazu gebracht jetzt wieder Musical zu machen?

Norman Bowman: Wieder kann ich nur sagen: Ich schaue was kommt. Aber eigentlich geht es auch darum, wer einen zuerst haben will. Es ist also keine bewusste Entscheidung, ob ich das eine oder das andere mache. Leute die ich im Rahmen eines Engagements getroffen habe, haben ein neues Projekt und fragen mich, ob ich ein Teil davon sein will. Anschließend bekommst du vielleicht einen anderen Job, weil jemand dich in deinem vorherigen Engagement auf der Bühne gesehen hat. Es ist einfach so, dass eine Rolle zur nächsten führt. Die Schattenseite von den reinen Schauspieljobs ist es, dass du normalerweise alle drei Monate auf der Suche nach einem neuen Engagement bist. Das ist beängstigend und anstrengend. Bei Musicals wird man in der Regel hingegen für ein Jahr verpflichtet.

Aber ich liebe beides, Shakespeare und Musicals. Musicals sind aber meine große Liebe. Aber ich denke beide Arten von Shows erfordern die gleichen Dinge. Es ist eine Live-Performance und du musste die Aufmerksamkeit des Publikums fesseln mit dem was du tust. Ich würde deshalb nicht sagen, dass ich das eine oder das andere liebe. Ich hoffe in Zukunft sowohl in Shakespeare Stücken als auch in Musicals spielen zu können.

 

Lena Gronewold: Wenn du es dir aussuchen könntest, würden wir dich dann mehr im Bereich Schauspiel sehen?

Norman Bowman: Ich würde gerne ein bisschen von allem tun. Musical, Theater, Film und Fernsehen. Aber am Ende habe ich wenig Einfluss darauf, wie sich meine Karriere entwickelt. Es geht nicht darum, dass du tun kannst was du möchtest, sondern mehr darum wer dich will. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt loszulassen und nicht zu erwarten, dass alles auf einmal kommt. Du musst dich treiben lassen, wir haben ohnehin wenig Kontrolle über das was passiert. Alles was man tun kann ist zum Casting zu gehen und so gut zu sein, wie man nur kann. Alles andere liegt außerhalb deiner Kontrolle bis man eine Rolle bekommt.

 

Lena Gronewold: Du hast auch schon in einigen Filmen mitgespielt. Wäre eine Karriere abseits der Bühne beim Film etwas für dich?

Norman Bowman: Absolut! Ich liebe Filme. Filme sind eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, um vom Alltag abzuschalten. Du machst den Projektor an und verlierst dich in der Geschichte des Films. Du kannst alle Sorgen für ein paar Stunden vergessen. Ich weiß nicht, ob ich das Filmemachen so sehr genießen könnte wie das Anschauen, schließlich ist das dann Arbeit, aber ich würde es gerne versuchen. Ich habe bisher ein paar kleine Rollen gespielt, aber nichts bei dem man ein echtes Gefühl für die Arbeit beim Film bekommt. Ich würde also gerne mal sehen, wie mir die Arbeit gefällt.

Im Theater muss man härter dafür arbeiten die Zuschauer in eine andere Welt zu entführen. Dort ist man von vielen Einflüssen abhängig, die man als Darsteller nicht beeinflussen kann. Zudem sind die Erwartungen bei einer Live-Performance deutlich höher. Auch im Theater kann man sich so verlieren wie in einem dunklen Kinosaal, aber es ist deutlich schwieriger.

 

Norman Bowman und Sheena Easton in 42nd Street (c)Brinkhoff/Moegenburg

Lena Gronewold: Zurück in die Gegenwart: Zuletzt konnte man dich in 42nd Street auf der Bühne sehen. Du hast Pat Denning gespielt und die Rolle des Julian Marsh gecovert. Was ist deiner Meinung nach das besondere an einer Show wie 42nd Street?

Norman Bowman: Wann immer man sich die Show ansieht weiß man, weshalb sie so ein großer Erfolg ist. Sie ist einfach einzigartig, spektakulär. Sie bietet dem Publikum Glamour, der heute kaum noch im West End zu finden ist. Mit einem Ensemble das aus 58 Personen besteht und einem Budget, das alle anderen Shows übertrumpft, sowie Kostümen die alle handgemacht und wunderschön sind, ist 42nd Street eine Show die ihresgleichen sucht. Selbst wenn du hinter den Kulissen des Theaters zu arbeiten gewöhnt bist, haut dich diese Show um. Der Tanz ist einfach unglaublich. Tänzer zu sehen, die so ein unglaubliches Können zeigen, ist atemberaubend. Jeder nimmt dieses Gefühl mit, wenn er die Show sieht. Alle denken, sie könnten steppen oder sie wollen es lernen. Es gibt einfach nichts Vergleichbares im West End. 42nd Street versucht nicht die Welt zu verändern, es ist einfach nur ein Abend voller bunter Unterhaltung. Und am Ende tanzt du nach Hause. Das ist die Magie des Theaters.

 

Lena Gronewold: Vor 42nd Street konnte das Publikum dich als Michael in Murder Ballad sehen. Dieses Stück ist anders als normale Musicals. Ich war beeindruckt von dem Stück und eurer Darstellung. Warum ist Murder Ballas so einzigartig und anders?

Norman Bowman: Wahrscheinlich liegt es daran, dass duie Leute das Stück nicht kennen. Sie gehen in die Show und haben keine Erwartungen. Es gibt heute kaum noch Stücke wie dieses von denen nur wenige Leute gehört haben, welches dann auch noch so ein großartiges Erlebnis ist. Es trifft die Menschen von Anfang an und baut darauf auf, sodass die Menschen am Ende sprachlos zurück bleiben. Murder Ballad ist sehr einfach was die Geschichte angeht. Wir alle kennen die Themen Heirat, Langeweile, vielleicht nicht Mord, das ist kein normaler Teil des Lebens. Aber es gibt in der Geschichte Teile mit denen sich jeder identifizieren kann. Zudem ist die Show sehr auf das wesentliche konzentriert. Vier Darsteller, die vier sehr gut ausgearbeitete Charaktere spielen. Jeder von ihnen geht auf eine Reise im Verlauf der Show.

Ich kannte die Show ebenfalls nicht, bis ich eingeladen wurde ein Teil davon zu sein. Als Darsteller ist es ein gutes Gefühl, wenn du eingeladen wirst Teil eines Stückes zu sein. Es heißt, dass sie genau dich wollen. Es ist dann immer ein Ja, bis ich weiß, ob dieses Stück wirklich etwas für mich ist. Aber in diesem Fall habe ich entschieden es zu machen, als ich wusste, dass auch Kerry Ellis an Bord ist. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass Ramin (A.d.R. Ramin Karimloo) auch zur Cast gehören würde. Victoria Hamilton-Barritt war ebenfalls mit dabei und ich wusste, wenn diese beiden Frauen ein Teil der Show sind, dann will ich das unbedingt machen. Und dann haben wir gehört, dass auch Ramin dabei sein wird und ich wusste: Ich muss ein Teil dieser Show sein. Ich wollte schon immer mal mit ihm arbeiten und bei Murder Ballad hatte ich endlich die Gelegenheit. Mit jedem im Team zu arbeiten war eine wunderbare Erfahrung. Die Show hat großartige Songs und das gesamte Team hat ein Spektakel auf die Beine gestellt. Ich bin wirklich glücklich, dass ich meinen Teil dazu beitragen durfte.

 

Lena Gronewold: In Murder Ballad warst du der Gute. Gut oder Böse, welche Rollen spielst du lieber?

Norman Bowman: Jeder die den guten spielt, der möchte der böse sein und umgekehrt. Wahrscheinlich, weil es eine Herausforderung ist ein bisschen verrückt und böse zu sein. Man möchte nicht die ganze Zeit nur der Gute sein. Manchmal sind das auch einfach die langweiligen Rollen. Zum Beispiel: Ich liebe Tony in der West Side Story, aber Bernardo hat einfach etwas mehr Biss. Manchmal ist verliebt zu sein der einfachere Weg. Bei Romeo und Julia zum Beispiel, okay deren Weg war nicht ohne Probleme, aber wenn du anstelle von Romeo Tybalt spielen kannst…Ich liebe Rollen wie diese. Aber eigentlich macht es keinen Unterschied auf welcher Seite du stehst, solange du eine großartige Geschichte erzählst.

 

Lena Gronewold: Und jetzt kommt dein Moment: Was wolltest du schon immer loswerden, wonach du nicht gefragt wurdest?

Norman Bowman: Gute Frage…Ich bin eigentlich ein offenes Buch. Ich glaube daran, dass man in diesem Business man selber bleiben muss. Du musst freundlich und nett zu jedem sein. Du braucht eine Passion für das was du tust und musst versuchen ein guter Mensch zu sein. Das hilft dir in jedem Beruf weiter. Wenn man gut mit dir arbeiten kann, dann werden sich die Menschen an dich erinnern und wieder mit dir arbeiten wollen.