Hamilton London – You‘ll be back

Es gibt wohl nur wenige Stücke, die man gleich dreimal gesehen haben muss, um das Erlebte überhaupt in Worte fassen zu können. Hamilton gehört jedoch definitiv dazu. Nach dem wahnsinnigen Erfolg, den das Stück in den USA feierte, erobern Hamilton, Eliza und Co. nun seit Dezember 2017 das Londoner West End. Der Erfolgshit aus der Feder von Lin-Manuel Miranda zieht auch hier Groß und Klein an und ist über Monate hinweg ausverkauft. Fans müssen sich nach dem Kartenkauf meist noch über ein Jahr gedulden, bis sie das Stück endlich zu sehen bekommen, so weit im voraus läuft der Vorverkauf. Aber was macht das Stück zu einem solchen Hit?

Den einen Grund gibt es sicherlich nicht, außer vielleicht Lin-Manuel Miranda selbst. Musik, Buch und Liedtexte hat der gebürtige Amerikaner mit portorikanischen Wurzeln zu einem rund um stimmigen Paket verschnürt. Szenenbild, Kostüme und Darsteller tun ihr Übriges. Und dabei müssen ausdrücklich auch die Understudies der Rollen genannt werden. Ein anspruchsvolles Stück wie Hamilton beweist, unter anderem mit insgesamt vier Darstellern für die Rolle des Hamilton, dass die Understudies essenziell für den Erfolg einer solchen Produktion sind.*

Hamilton (Jameal Westerman), John Laurens (Cleve September), Maquis de Lafayette (Jason Pennycooke) und Hercules Mulligan (Tarinn Callender) (c) Matthew Murphy

Die Geschichte ist so simpel wie sie komplex ist. Miranda erzählt in seinem Musical über das Leben von Alexander Hamilton (Jamael Westman), einem der Gründerväter Amerikas. Gemeinsam mit seinen revolutionären Freunden John Laurens (Cleve September; u/s Ash Hunter; u/s Jack Butterworth), dem Marquis de Lafayette (Jason Pennycooke; u/s Waylon Jacobs) und Hercules Mulligan (Tarinn Callender; u/s Gabriel Mokake) träumt er davon, sein Leben einem höheren Ziel zu widmen. Aaron Burr (Giles Terera), mal ein Freund, mal einer von Hamiltons Konkurrenten, fungiert im Stück als Erzähler der Geschichte. Er, derjenige der Hamilton erschossen hat, zeigt dem Publikum die wichtigsten Stationen in Hamiltons Leben auf. Sein Treffen mit den Schuyler-Schwestern Angelica (Rachel John; u/s Miriam Teak Lee), Eliza (Rachelle Ann Go; u/s Marsha Songcome) und Peggy (Chrstine Allado; u/s Marsha Songcome), die Hochzeit mit Eliza und seine Zeit als rechte Hand von George Washington (Obioma Ugoala), die Nachrichten von King George III (Michael Jibson; u/s Aaron Lee Lambert) und der Tod seines Sohnes Phillip (Cleve September; u/s Ash Hunter; u/s Jack Butterworth), durch all dies führt Burr das Publikum. Bis es zum Showdown kommt zwischen Hamilton und Burr und nur die Frage bleibt: Who lives, Who Dies, Who tells your Story?

Vom Off-Broadway, über die Broadway, diverse US-Touren bis jetzt nach London – Hamilton ist und bleibt ein Erfolg. Und das liegt vor allem auch an dem großartigen Ensemble. Das „diverse“ Casting, also die Besetzung der Rollen mit Darstellern verschiedenster ethnischer Hintergründe, ist ein kluger Schachzug, der die Menschen mitnimmt. Nach dem kometenhaften Erfolg des Stückes am Broadway mit Lin-Manuel Miranda in der Titelrolle, blieb lange die Frage offen, wer in London in die großen Fußstapfen aller Beteiligten treten sollte. Der langandauernde Prozess hat jetzt im Nachhinein gezeigt, wie lohnenswert er war.

Aaron Burr (Giles Terera) und das Ensemble (c) Matthew Murphy

Mit Jamael Westerman haben Miranda und sein Team einen unbekannten Nachwuchs Künstler gefunden, der die Rolle mit Bravur ausfüllt. Während er am Anfang noch verhalten und hadernd wirkte, ist er inzwischen in der Rolle angekommen und hat sie zu seiner eigenen gemacht. Man hat nicht länger den Eindruck, er würde Miranda nacheifern. Vielmehr hat er Kleinigkeiten gefunden, die zeigen wie gut er sich selber in dieser Rolle gefunden hat. Seine wunderbare Stimme und seine Rap-Künste tun ihr Übriges, um ihn zur idealen Besetzung der Rolle zu machen.

Giles Terera brilliert vom ersten Moment an in der Rolle des Aaron Burr. Zwar bleibt auch beim dritten Mal sein leichtes Lispeln gewöhnungsbedürftig, schauspielerisch macht er dieses Manko jedoch um Längen weg. Auch Hamiltons Kumpane Lauren, Lafayette und Hercules Mulligan, in der Erstbesetzung gespielt von Cleve September, Jason Pennycooke und Tarinn Callender (sowie auch ihre Understudies), zeigen geniales Schauspiel, unvergleichliche Rap-Künste und eine hervorragende Umsetzung das Witzes und Charmes, den Mirandas Stück inne hat.

Die Schuyler Schwestern: Eliza (Rachelle Ann Go), Angelica (Rachel John) und Peggy (Christine Allado) (c) Matthew Murphy

Gegenwind bekommt die Herrenriege von den Damen. Die Schuyler-Schwestern sind, so verschieden sie auch sein mögen, ein eingespieltes Trio. Rachel John als große Schwester und „Anführerin“ der Clique scheint die Herren das Fürchten zu lehren, während Rachelle Ann Go mit ihrer wunderbaren Stimme da Publikum spätestens bei „Burn“ zu Tränen rührt. Die dritte im Bunde, Christine Allado, bezaubert sowohl als Peggy, trumpft aber gleichzeitig auch als verführerische Maria Reynolds auf. Die beiden Understudies Marsha Songcombe und Miriam Teak Lee müssen hier ebenso genannt werden. Beide covern alle drei Schuyler Schwestern und Lee besticht bereits in ihrer Premiere als Angelica in dieser Rolle.

Obwohl eigentlich alle Besetzungen einem Genie-Streich gleichen, ist auch Micheal Jibson als King Georg III ein solcher der besondere Aufmerksamkeit verdient. Der in England bekannte und beliebte Schauspieler geht förmlich in der Rolle des englischen Machthabers auf. Sein Akzent, seine übertriebene Art, die nie überzogen wirkt, machen ihn zum perfekten King George. Eines der Highlights ist jedoch Obioma Ugoala als George Washington. Ihm gelingt es die harte Seite der Rolle mit den sanften Tönen zu vereinen. Wenn man ihn auf der Bühne sieht, ist kaum vorstellbar, dass jemand anderes die Rolle vor ihm geprägt hat, da er vollkommen in dieser aufgeht. Das gesamte Hamilton Ensemble leistet Abend für Abend eine großartige Arbeit. Die Leidenschaft, die Hingabe und ihr Können füllen das Theater mit Leben und lassen wohl kaum irgendwen im Publikum kalt. Ein großartiges Bühnenbild, tolle Kostüme und eine hervorragende Lichtstimmung sind dann bloß noch das Tüpfelchen auf dem i, die den Besuch bei Hamilton zu einem perfekten Theaterabend machen.

Absoluter Publikumsliebling: King George III (Michael Jibson) (c) Matthew Murphy

Wer nun interessiert ist, den erwarten schlechte Neuigkeiten, denn Tickets sind bis in die Saison 2019 ausverkauft. Einzelne Ticket für Vorstellungen werden immer mal frei, es ist als ratsam die Facebook und Twitter Kanäle der Londoner Produktion im Auge zu behalten. Dort wird auch informiert, wann die nächsten Ticketverkaufsphasen starten. Wer sein Glück zeitnah versuchen will, kann beim London Besuch per App an der Lottery teilnehmen. Hier werden unter allen Teilnehmenden täglich einige günstige Tickets verlost. Hier heißt es aber Daumen drücken. Und ein letztes: Hände weg von Schwarzmarkttickets! Bei Hamilton gibt es das neue Paperless-Ticket verfahren. Wenn ihr bucht, gibt es lediglich eine Bestätigung und die Tickets können nur von demjenigen, der gebucht hat mit Ausweis und Kreditkarte beim Einlass abgeholt werden.

Alle Infos zur Show, zu Ticket und allem sonst, gibt es unter: https://hamiltonmusical.com/london/

 

 

* Im Folgenden finden sich in Klammern neben den Hauptbesetzungen, auch die Understudies, die wir im Laufe des Reviewprozesses auf der Bühne gesehen haben. Es ist daher möglich, dass für einige Rollen nicht alle Besetzungen aufgeführt sind.